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Ohne den Ritter Kahlbutz wäre Kampehl nur ein märkisches Dorf wie jedes andere. Mit dem legendären Bösewicht, dessen mumifizierte Leiche bis heute als biologisches Rätsel gilt, ist das 100-Seelen-Dorf eine Touristenattraktion. Die Freveltat des Mörders, der einen falschen Eid schwor, sie scheint sich für den Ort in einen wahren Segen verwandelt zu haben.
Das Gewerbe floriert. Es herrscht Vollbeschäftigung. Versteht sich, dass hinter diesem Aufschwung kein Spuk, sondern ganz konkrete Menschen stecken.

Eine Mumie sorgt für Aufschwung

Für das 100-Seelen-Dorf Kampehl hat sich die böse Tat des Ritters Kahlbutz in einen Segen verwandelt.
Michaela Christen
Seit 800 Jahren reckt die trutzige Wehrkirche von Kampehl ihren spitzen Giebel in den brandenburgischen Himmel. An einem kleinen seitlichen Anbau hängt ein großes handgemaltes Schild. In altdeutscher Schrift erinnert es eher an Wegelagerei als an Tourismuswerbung: „Halt! Besichtigt Kahlbutz, das biologische Rätsel, über 300 Jahre alt, bis heute wissenschaftlich ungelöst." 
 
Der Text stammt noch aus DDR-Zeiten, als jedes Jahr mehr als 180 000 Besucher in der kurzen Sommersaison kamen, um das „biologische Wunder " zu bestaunen. Sie mussten über die

Die trutzige Wehrkirche von Kampehl:  In der Gruft liegt Mumie Kahlbutz, die als biologisches Wunder gilt

Misthaufen der LPG steigen und erhielten für 50 Pfennig Einlass. Eine Toilette suchte man allerdings vergebens. Der letzte Gastwirt hatte 1982 aufgegeben.  Heute lebt hier eine ganze Region vom Tourismus. Und die Vermarktung des Ritters von unverwestem Adel nimmt dabei eine Schlüsselstellung ein.
So laden an diesem Sonnabend die vier Dorfschänken von Kampehl wieder zur langen „Kalebuznacht". Höhepunkt des Spektakels ist wie immer der Ritterschlag. Wer ihn bekommt, darüber entscheidet das Los.
 
„Ohne Kahlbutz wären wir ein Dorf wie jedes andere"
„Ohne Kahlbutz würde hier gar nichts gehen. Da wären wir ein märkisches Dorf wie jedes andere", sagt Gudrun Pennow. Sie führt das schicke Hotel Ritterhof, das mit Rittersaal und rustikaler Möblierung Gemütlichkeit verbreitet. Den Schuldienst hat die frühere Unterstufenlehrerin freiwillig verlassen, als sich die neue berufliche Perspektive bot. Bereut hat sie es nie.
 
Das Hotel gehört Reinhard Kohrt, ihrem Schwager. Ein Name, der einem überall begegnet in diesem Dorf. Kohrt, das ist in Kampehl offenbar der Motor des Aufschwungs.
Die Tür zur engen Krypta mit der Mumie des früheren Gutsbesitzers Christian von Kahlbutz öffnet sich mit einem leichten Knarren, Birgit Mehnert erscheint. Die 57-Jährige wacht am Sarg mit dem gläsernen Deckel. Sie erzählt den Besuchern die alte Kahlbutz- Legende. Vor ihrer Zeit als Grabwächterin war die frühere Verkäuferin arbeitslos. „Ich freue mich, wieder eine Aufgabe zu haben", sagt sie.

Reizvolle Landschaft und der Charme des Unfertigen
Gleich gegenüber der Rittergruft treffen wir Reinhard Kohrt auf seinem Töpferhof. Im Gasthof duftet es verführerisch nach selbst gebackenem Kuchen und frischen Bratkartoffeln.
Serviert werden alle Speisen auf dem Geschirr aus der eigenen Töpferei. Im Laden nebenan kann
man die Keramik kaufen und dem Töpfer über die Schulter schauen.

Birgit Mehnert wacht am Sarg und erzählt den Besuchern die Legende

Im Garten unter den Sonnenschirmen tafeln die Touristen:
 
Auf den Pfaden seiner Jugend reist Tilo Krimmenau durch die Mark. Der 45-jährige Psychotherapeut lebt heute in München. Er will seiner Freundin Elisabeth aus Göttingen die Gegend zeigen. Die Lehrerin ist begeistert. „Die Landschaft ist unheimlich reizvoll", sagt sie und freut sich, dass vieles noch den „Charme des Unfertigen" hat. „Der Ort ist auf jeden Fall ein Geheimtipp."

„Für uns macht hier kein anderer Tourismuswerbung, deshalb müssen wir uns selbst drum kümmern, dass hier ständig etwas los ist", sagt Kohrt. Er will erreichen, dass die Leute wiederkommen, dass sie essen und trinken, seine Keramik kaufen und vielleicht auch übernachten.
 
Und das funktioniert: Längst kommen mehr Besucher in das Dorf als zur Mumie. In die Gruft zieht es heute nur noch 40 000 Besucher pro Jahr, Kampehl aber zählt etwa die dreifache Zahl an Touristen.
Kohrt trägt ausgewaschene Jeans und ein dunkles T-Shirt Der gelernte Schlossermeister ist ein bodenständiger Geschäftsmann.
 
Die Leute erzählen, ihm gehöre inzwischen das halbe Dorf. Der 52-Jährige hört das nicht gern und stapelt lieber tief.  Ein Handy besitzt er nicht, Computer sind auch nicht sein Ding „Damit komm' ich nicht klar. Die Technik überlasse ich meinem Sohn."

Die Wende als Chance begriffen
Der Sohn studiert Betriebswirtschaftslehre. Sein Vater hat ihn nicht nur für die Internet-Werbung seiner Unternehmungen eingespannt, sondern auch für die „Events", die zusätzliche Besucher ins Dorf ziehen sollen. Daniel (27) organisiert neben dem Studium Ritterspiele, aber auch Rockkonzerte in

Reinhard Kort war 1987 der einzige Gewerbetreibende in Kampehl. Nach der Wende legte er richtig los.

Kampehl und soll später das Familien-Unternehmen fortführen.
 
Als Kohrt vor fast 20 Jahren in Kampehl seine Töpferei eröffnete, war er der einzige Gewerbetreibende weit und breit. „Mir ging es nie schlecht. Auch in der DDR nicht, obwohl unsere Familie zweimal enteignet wurde und mein Vater in Haft saß", erinnert er sich. Er habe Trabant-Holme geschweißt, als damit Geld zu verdienen war, privat Schweine gehalten. Dann hatte er die Idee mit dem Töpfern.
 
Existenzangst? Die kam erst mit der Wende, als LKW-Ladungen mit Billig-Keramik den Markt überschwemmten. „In der DDR, wo alles Mangelware war, ist es ja kein großes Kunststück gewesen, viele Töpfe zu verkaufen." Kohrt begriff den Umbruch als Herausforderung. Und als Chance.
 
Er erweiterte die Töpferei um eine Erlebnis-Gaststätte, die seine Frau Kornelia führt. Trug einen alten Stall ab, um aus den Ziegeln das Hotel Ritterhof zu bauen. Kaufte schließlich sogar das Schloss der Fürstin Blücher, das nach mehreren Privatisierungspleiten und Brandstiftung leer stand. Ein Schandfleck. Jetzt wird es Stück für Stück saniert.

Kindersegen und Arbeitskräftemangel
Inzwischen gibt es 14 Unternehmen im Dorf - von der Auto -Werkstatt bis zum Glaser. Sogar aus der Stadt kommen die Leute hierher zur Arbeit. Denn es herrscht Arbeitskräftemangel.
Das Dorf wächst. Jeder dritte der 100 Kampehler ist in den letzten 15 Jahren zugewandert. Die jungen

Karin Ribbe war auf der Suche nach Räumen für ihr privates Kindergarten-Projekt und wurde mit offenen Armen empfangen. Jetzt spuken ihre kleinen "Schlossgeister" im alten Schloss.

Familien haben für Nachwuchs gesorgt. 20 Kinder zählt das Dorf. Neuerdings können sie sogar einen Kindergarten direkt vor der Haustür besuchen. Den hat Karin Ribbe im Schloss eingerichtet. 
 
Die frühere Tagesmutter und gelernte Kindergärtnerin aus Neustadt (Dosse) war auf der Suche nach Räumen für ihr privates   Kita-Projekt, als sie  das Schloss in Kampehl entdeckte.
Das war im Dezember 2006. Im April hat sie den Kindergarten „Schlossgeister" eröffnet.
Die zehn Kinder sitzen um den Gruppentisch. Die Großen haben aufgedeckt. Nach der Mittagsruhe gibt es Marmeladenbrote und Obst.

Stolz zeigt uns die Kindergärtnerin die Lese-, die Bau- und die Puppenecke. Im „Blauen Salon", der so nach seinem blauen Teppich heißt, betören Duft-, Licht- und Klangspiele die Sinne.
Im Dorf gab es Spendenaufrufe als bekannt wurde, dass die kleinen „Schlossgeister" hier einziehen sollen. Auch die Eltern haben mit angepackt. „Dass wir innerhalb von nur vier Monaten starten konnten, hat uns trotzdem kaum jemand zugetraut."

„Blühende Landschaften" nicht über Nacht versprochen
Wer die vielbeschworenen  „blühenden Landschaften" sucht - in Kampehl in der Ostprignitz wird er fündig. Das Originalzitat von Helmut Kohl wird einem übrigens überreicht, wenn man Ernst-Felix

Ostalgie im Windschatten der Mumie: Ernst-Felix Rutsch im "Ex-DDR-Museum"

Rutsch in seinem „DDR-Museum" im Keller des Schlosses besucht. Zwischen   der   ersten   DDR-Waschmaschine aus Schwarzenberg, mit der man noch Pflaumenmus kochen konnte, und einer Gitarre Marke Eigenbau erinnert Rutsch daran, dass Kohl den Aufschwung nicht über Nacht versprach und auch von Opfern sprach.
 
Das hindert den 66-jährigen Wessi aber nicht daran, im Windschatten der Mumie die Ostalgie zu vermarkten. „Ich will hier nicht über die Stasi aufklären. Ich will nur, dass die Menschen ihre Vergangenheit nicht wegwerfen", sagt der eifrige Sammler der DDR-Hinterlassenschaft.

Quelle: Schweriner Volkszeitung von Freitag den 17.08.2007
Fotos: Michaela Christen

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